Autorenseite von Gerd Umhauer
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"Es kommt nicht darauf an, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, sondern mit den Augen die Tür zu finden." (Werner von Siemens)

Leseprobe

Kinder- und Jugendbuch, ca. 300 Seiten

Als

Hänsel und Gretel

philosophierten

 

 

„Was versteht man unter philosophieren?“, will die 11-Jährige wissen.

Ihre Tante lacht. „Tja, das kann ich nicht mal selber erklären, Jutta. Auf jeden Fall heißt es denken. Und zwar so, dass man sich und die Welt besser verstehen lernt. Was ganz Tolles!

Und es macht gar nichts, dass man es nicht recht erklären kann“, fügt die Tante hinzu. „Die Liebe kann man auch nicht erklären, aber sie ist wich­tiger als fast alles andere.“

„Meinst du, wir verstehen das?“, fragt Juttas Bruder besorgt. „So­phies Vater, ist ein Zauberer, Mi­chael“, sagt die Tante lachend. „Er  überlegt sich immer Geschichten, wie er der kleinen Sophie, die noch nicht einmal fünf ist, schwierige Dinge ver­ständlich machen kann. Einen besseren Lehrer könnt ihr gar nicht haben.“

… „Ich hab heute so hingeschrieben: Wo kommen die Wörter her?“, erkläre ich. „Können Sie mir erklären, wo die her­kommen?“

„Schwierige Frage“, sagt Frau Kister.

Dann überlegt sie. „Es ist so, als wenn du fragst, wo kommen die Schach­züge her. Was genau interessiert dich an den Wörtern, Jutta?“

„Wenn ich Gedanken aufschreibe, kommen die Wörter in den Sinn. Ich muss mich nur konzentrieren und warten. Abrakadab­ra sind sie da.“

Frau Kister lacht.

„Als du klein warst, hast du angefangen, sprechen und verstehen zu lernen. So hast du mittlerweile zehn bis zwanzigtausend Wörter gelernt, schätze ich mal, die im Gedächtnis mehr oder weniger gut gespeichert wur­den. Von dort kommen sie also her, aber auch aus dem, was du sagen willst, aus dem Denken und Wollen, würde ich vorsichtig sagen. Habe über die Frage selber noch nie nach­gedacht, fällt mir jetzt ein.“

Sudle Frau Kisters Erklärung schnell in mein Notizbüchlein. Lilly schreibt es auch auf.

„Dann kommen die Schachzüge ja auch aus den Drei­en“, murmle ich, „aus dem Gedächtnis, dem Denken und Wollen. Cool!“

„Das Ganze nennt man dann Können“, sagt Frau Kister lächelnd. „Sprechen, Verstehen, Lesen, Schreiben, Denken, Schachspielen können.“

Das Wort Können umrahme ich natürlich fünfmal.

„Du hast gesagt, du schreibst Gedanken auf. Wie machst du das, Jutta?“, will Frau Kister wissen.

Ich lache.

„Das ist so wie beim Schachspielen. Ich ziehe einfach so, wie ich die Partie sehe. Die Gedanken, die ich aufschreibe, sind meine Züge.“

„Sehr kreativ“, lobt sie.

„Dafür habe ich seit dem Philosophieren beim Pro­fessor ein Extra-Heft angelegt. Alles mit Bleistift, damit ich ändern kann. Heute Abend schreibe ich was übers Verstehen rein. Sie haben mich vorhin drauf­gebracht, weil Sie sagten, dass zum Sprechen ja Ver­stehen gehört. Hab ich noch gar nie dran gedacht. Be­stimmt fang ich mit dem Satz an, ‚wo kommt das Verstehen her‘?“

Frau Kister lächelt und streicht mir übers Haar. „Du bist ein er­staun­liches Mädchen, Jutta.“

 

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